Kapitel 1
Wolken zogen vorüber wie Täler und Berge. Teilweise glaubte man, es finge gleich an zu regnen, doch die Tropfen hielten sich stets zurück. Manchmal konnte man den seltenen Blickfang des Durchbrechens der Sonnenstrahlen durch das Dach der Wolken erhaschen. Auch führte uns der Weg des Öfteren über Brücken, die uns über große und kleine Flüsse halfen. Ich betrachtete diese landschaftliche Abwechslung durch das große, mäßig geputzte Fenster des Reisebusses, der mich, meine besten Freunde und einige Klassenkameraden, sowie einige mir unbekannte Menschen zu einem Aufenthaltsort einer relativ billigen Reise bringen sollte. Einerseits freute ich mich auf die Abwechslung, denn der Ort, der in der Broschüre beschrieben wurde, schien recht urig und sogar mystisch zu wirken, doch andererseits trieb mich der Lärm von den etwa 30 Menschen im Bus nahezu in den Wahnsinn.
Ich hoffte darauf, ein Zimmer möglichst weit entfernt von all den Anderen zu bekommen... selbst meine eigenen Freunde gingen mir zeitweise auf die Nerven. Ich brauchte meine Ruhe.
Diverse Tests im Internet zeigten es immer wieder. Ich bin nun mal ein introvertierter Mensch. Ein verträumter Idealist heißt es. Ich verkomme oft in meinen Gedanken...so cool und souverän ich nach außen hin auch versuchte zu wirken, so einsam und zurückgezogen lebte ich in mir selbst.
Menschen...", begann ich zu denken, Wie gern würde ich nicht zu ihnen gehören..." Sie machen sich ihr Leben selbst zur Hölle, bürden sich Pflichten auf, streben nach Macht und Ruhm; vorzugsweise in Form von Geld. Um zum Schluss doch allein zu sterben. So, wie jeder allein stirbt. Man kann nur hoffen, ein frühes Ende zu haben, damit die Menschen, die einen wirklich lieben, noch bei einem sind. Auch wenn der eigene Tod diese ebenfalls in große Trauer stürzen würde. Oft dachte ich schon darüber nach, wie ich meine Eltern verliere. Ich wusste, es klang albern und kindisch, aber ein Leben ohne meine Eltern, vor allem meinen Vater, konnte ich mir einfach nicht mehr vorstellen. Zu viele schöne Momente... zu viele... Erinnerungen. Mein ganzes Leben bestand daraus. Viel mehr als viele andere meiner Freunde hielt ich an meinen Erinnerungen fest und ersah sie zurück, vermisste die schöne Zeit, in der diese entstanden. Als man noch jung war und mit seinen Freunden spielte, eine Bande gründete und sogar der Stärkste von allen war. Ich war oft der Stärkste. Ich war ihr Anführer.
Und so dachte ich... als verträumter Idealist... auch über meine Zukunft: Ich als Herrscher. Als König oder ähnlichem Souverän. Zu gerne würde ich versuchen, den vielen modernen Kram, der unser Leben erschwert, zu vernichten. Sowie den vielen Blödsinn, dem viele Menschen hinterher rennen. Sei es die Mode, Stars oder irgendwelchen schwachsinnigen Mentalitäten. Doch ich weiß - zu oft spüre ich es - ich rege mich über Eigenschaften der Menschen auf, über ihre Gier, dem Geifer nach mehr, und doch merke ich, wie mir selbst diese Eigenschaften zutiefst zugrunde liegen. Im Gegenteil sogar... dachte ich insbesondere darüber nach, ich wäre König, wurde ich aggressiv und stellte mir vor, wie die Welt mir zu Füßen lag, wenn auch durch Gewalt dazu gezwungen worden.
Ich schüttelte gedankenverloren meinen Kopf, um diese Vorstellungen zu verdrängen. Doch ich hatte es oft genug schon verspürt, ein Kälte in mir, eine emotionale Kälte. Ein Drängen danach, Menschen weh zu tun, die es nicht besser verdienen. Und solche Menschen wären all die, die meinen Meinungen wiedersprechen.
Plötzlich und ohne dass ich mit irgendetwas rechnete, donnerte mein Kopf mit einem lauten Knall gegen die Fensterscheibe, durch die ich die ganze Zeit starrte. Sofort spürte ich den pochenden Schmerz, der mich gleichzeitig reflexartig ausholen und um mich schlagen ließ, wodurch ich mein Ziel mit voller Wucht traf. Ich stand gereizt von meinem Sitzplatz auf und drehte mich nach hinten, um dem Auslöser in die Augen zu sehen. Alle Menschen im Bus starrten mich wegen des lauten Knalls an der Scheibe bereits an. Einen Moment hatte ich das Gefühl zu bluten, doch dies verschwand genauso schnell wie es kam. So laut wie die Typen, die hinter mir saßen, vorher noch gelacht hatten, so still schweigend saßen sie nun da, der Getroffene hielt sich vor Schmerz eine Hand vor den Kopf, die Anderen erwarteten nur meine weiteren Reaktionen.
Erbärmlich" dachte ich als ich sah wie sie sich an diesem Schauspiel erlabten. Es waren Klassenkameraden, wenn auch nicht gerade meine liebsten, die sich da auf eine Auseinandersetzung mit mir eingelassen hatten, und das ausgerechnet in dem Moment, in dem meine Gedanken mich ohnehin gereizt hatten.
Abwertend guckte ich sie alle an. Es kam nicht selten vor, dass sie mich ärgerten. Doch reagierte ich in letzter Zeit mit zunehmenden Maße aggressiver auf sie, was sie immer häufiger außergewöhnlich zurückschrecken lies. Nichts desto trotz hinderte sie dies nicht daran weiter zu machen. Nun sprach ich meine Gedanken offen aus.
Ihr seid so erbärmlich und dumm. Warum seht ihr nicht endlich ein, dass ihr gegen mich immer den Kürzeren zieht. Aber wer nicht hören kann, muss wohl tatsächlich leiden. Jan, ich hoffe es tut weh und du hast noch lange was davon, du hast es verdient!"
Das Wimmern des Getroffenen unterstrich meine Aussagen. Die übrigen Reisenden guckten mich nun noch schockierter und gleichzeitig entsetzt an. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich mit bedrohlich lauter Stimme geredet hatte. Während ich auf den Schmerz von Jan einging, merkte ich das mein eigener fast nicht mehr zu spüren war. Typisch für mich. Schmerzen... Wenn ich sie überhaupt spürte, vergingen sie schnell. Zumindest solange sie physischen Ursprungs waren.
Leo!", schrie jetzt einer der Freunde von Jan, der direkt hinter ihm saß, Die Aktion war ja wohl völlig übertrieben. Warum bist du immer so brutal?"
Ihr lernt es ja wohl nicht anders!" gab ich ihm zurück.
Du hättest auch nur was sagen können."
Ja klar, und euch mit eurer Tat davon kommen lassen? Nein, gegen euch muss man handeln, ihr Idioten."
Genau und jetzt beleidige uns auch noch... Was können wir dafür, wenn du andauernd abwesend bist und dann gegen die Fensterscheibe knallst?"
Ich dachte, ich hörte nicht richtig. Kai, eines der größten Arschlöcher der Schule, war drauf und dran mich schlecht darzustellen. Alle im näheren Umkreis wussten das und begannen bereits zu kichern. Sie machten sich lustig über mich. Mein Zorn stieg, ich war sicher man konnte es bereits in meinen Augen sehen. Wären wir nicht im Bus gewesen, wäre ich auch sofort zu Kai gegangen und hätte alles dafür getan, dass er sein verdammtes Grinsen endlich verliert, was er mir jetzt schon wieder entgegenwarf. Selbst Jan grinst schon wieder.
Hört auf zu grinsen... oder... ich verliere die Nerven, ich vergesse mich, das schwöre ich euch", drohte ich weiter. Mein Blut pulsierte, meine Faust war bereits geballt.
Psychopath!", rief Kai darauf.
Ich fing bereits innerlich an zu zittern, die Situation war kurz davor zu eskalieren. Ich hatte das Gefühl, als verdunkle sich der Himmel für einen Moment. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner linken Schulter.
Lass gut sein Leo. Es gucken schon alle. Egal was du jetzt tust, du handelst gegen dich selbst.", sagte mir Rube, einer meiner besten Freunde.
Das war mir noch gar nicht aufgefallen. Schon wieder - oder vielleicht immer noch - guckten mich alle Insassen des Busses argwöhnisch an. Mein Blick ging durch die Runde.
Die Meisten, die weit genug wegsaßen, um nicht zu verstehen, was vor sich ging, guckten und reagierten auf den Blick, den ich ihnen zuwarf, wenig angetan. Einige guckten weg, andere bekamen fast einen Ausdruck von Ekel auf ihrem Gesicht. Einem anderen großen Teil war es einfach egal. Gerade in diesem Bereich der Sitzplätze, auf der rechten Seite des Busses gelegen, stachen zwei Mädchen etwas heraus. Eines schien etwas amüsiert zu sein. Ich stellte mir die Frage, was dieses Mädchen für einen Humor hatte, doch beim Erblicken ihres Sitzpartners vergaß ich die Frage. Ihre hellen Augen waren von dort hinten aus zu erkennen und verliehen ihr etwas Außergewöhnliches.
Ihr Blick teilte mir hingegen unvermittelt mit, dass sie von allem sehr genervt war und wohl jeden Moment selbst losschrie, wenn es nicht augenblicklich still wird. Bisher hatte ich Glück, dass kein Reiseleiter in der Zeit aufgetaucht war, aber ich hatte auch keine Lust, dies zu riskieren. Ihr Sitzplatz war der Treppe, die in die untere Etage des Busses führte, um einiges nähergelegen als meiner. Wenn sie einen Laut, der mich erreichen sollte, von sich gegeben hätte, hätte ihn sicher auch der Leiter gehört. Dies würde möglicherweise zum sofortigen Ende der Reise für mich führen.
Schnell setzte ich mich wieder hin und verhielt mich ruhig. Sofort hörte ich, wie Jan und Kai wieder anfingen mich zu provozieren.
Schwätzer, Schwätzer! Mann, mann, mann! Der Kerl ist echt witzig, regt sich auf bis zum Geht-nicht-mehr und am Endes ist doch alles nur heiße Luft. Was für ein Schlappschwanz."
Kai hatte die größte Klappe von allen, aber dass Jan darauf nur ein Jup." von sich gab, zeigte mir, dass zumindest ihm meine Lektion etwas weitergeholfen hatte. Meine Wut kochte noch immer, ich hätte durchdrehen können.
Tut mir Leid, dass ich das nicht verhindert habe. Ich muss wohl kurz eingenickt sein." Ist doch kein Problem, Rube, es tat ohnehin gut, dem mal endlich eins auszuwischen. So hatte ich zumindest für mein Gewissen einen Grund."
Sowas hast du?", gab Rube mir darauf ohne mit der Wimper zu zucken zur Antwort. Manchmal hatte ich das Gefühl, er kannte mich besser als ich selbst. Tatsächlich hatte ich mich selbst dies schon öfter gefragt, doch das er dasselbe glaubte, schmeichelte mir irgendwie.
Ja hab ich."
Das überrascht mich."
So bin ich, immer unvorhersehbar."
Wie recht du doch hast", stimmte er mir zuletzt zu und musste dabei leicht grinsen.
Darauf drehte ich mich wieder zum Fenster und betrachtete, was sich mir zeigte. Dabei dachte ich über das Gefühl nach, als mich vorhin der ganze Bus anstarrte. Diese Stille, dieses Warten auf jedes Wort, was meine Kehle verließ. Obwohl es mir hätte peinlich sein sollen, hatte ich das Spektakel genossen. Nicht die Tatsache, dass ich einfach nur beachtet wurde, es bereitete mir Freude wie Menschen auf das warteten, was ich tat. Ich bekam überhebliche Gefühle. Ich stellte mir vor, wie ich der Anführer des Busses war, wie ich alle hinter mich vereinte und auf Jan und Kai hetzte, wie sie meinen Worten glaubten und die beiden auf meinen Befehl bis an ihr Lebensende gejagt hätten. Geschweige denn, was sie mit ihnen angestellt hätten, hätte sie sie erreicht.
Meine Gedanken wurden durch einigen kleinen Tropfen auf der Scheibe des Busses unterbrochen. Es fing an zu regnen. Sofort begannen die kleinen Tropfen, sich mit dem Schmutz auf der Scheibe zu verbinden und einen ekligen, dünnen braunen Schmierfilm beim runterrollen am Bus zu hinterlassen. Bald konnte man kaum noch durch die Scheiben gucken, aber was sich außerhalb des Busses abspielte war auch nicht so aufregend, als dass man es unbedingt hätte sehen müssen. Die vorher relativ abwechslungsreiche Landschaft wurde langsam zu einer regelrechten Einöde aus Wiesen. Kaum ein Baum war noch zu sehen, nur einige wenige, die die beste Zeit ihres Lebens schon hinter sich hatten.
Mir wurde langweilig und im ganzen Bus wurde es ruhiger, das Prasseln der Tropfen auf den Bus gewann die Oberhand. Ich mochte den Regen sehr. Insbesondere wenn es gewitterte, fühlte ich mich gut. Wieso, wusste ich gar nicht genau. Andere fürchteten sich, doch ich blühte erst so richtig auf. Oft setzte ich mich schon als ich klein war ans Fenster um die Blitze zu bewundern, oder die Donner zu spüren und dabei dem Regen zu lauschen. Oft öffnete ich sogar das Fenster dafür. Dies war im Bus schlecht möglich. Außerdem genoss ich die Atmosphäre. Fast alle Leute außer mir schliefen. Auch dies war mir nur allzu bekannt. Ich war oft der letzte der einschlief. Eine Eigenschaft auf die ich stolz war.
Ich erhob mich noch einmal etwas von meinem Platz und schaute mich um. Der Regen hüllte den ganzen Bus in einen einzigen Wasserfall. Es war ein erhabenes Gefühl, alle Menschen schlafen zu sehen. Ich stellte mir vor, wie ich nun einem meiner Feinde an die Gurgel ging, sie ihm aufschlitzte, sein Blut fließen ließ.
Wieder schüttelte ich meinen Kopf. Meine Gedanken gingen mit mir durch. Ich setzte mich zurück und stellte mir vor, was mich am Zielort der Reise erwarten könnte. Ob ich wohl ein Mädchen kennen lernen würde, wie weit ich käme, oder ob es weiterhin so trostlos bleiben würde und man mit sich selbst Spaß haben müsste. Was für primitive Gedanken. Typisch Kerl. Wenigstens etwas, was mich noch als einen normalen Jungen kennzeichnete", dachte ich.
Langsam wurden meine Augenlieder schwerer. Ich blickte noch einmal um mich, um die schlafenden Menschen zu sehen. Alles war ruhig. Nur das Prasseln des Regens. Ich schlief ein und hatte ganz für mich allein das Gefühl der völligen Kontrolle.














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